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Stand: 12.10.2017

Pressemitteilung

Arbeitslosenreport NRW

Freie Wohlfahrtspflege NRW mahnt: Ältere Arbeitslose nicht aufs Abstellgleis schieben

Doch wer sich mit 55 Jahren neu bewerben muss, findet nur schwer einen Job. Die Freie Wohlfahrtspflege im Ruhrgebiet fordert mehr Anstrengungen von Politik und Wirtschaft, um das Potenzial älterer Arbeitsloser auszuschöpfen und Altersarmut vorzubeugen.

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko des dauerhaften Hartz IV-Bezugs und damit der Altersarmut. Der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW zeigt, dass 82,7 Prozent der Hartz IV-Bezieher ab 55 Jahren im Ruhrgebiet seit mindestens zwei Jahren Hartz IV-Leistungen erhalten. In der jüngeren Vergleichsgruppe unter 55 Jahren im Ruhrgebiet sind dagegen 64,3 Prozent seit mindestens zwei Jahren auf diese staatliche Unterstützung angewiesen. 11.278 Hartz IV-Bezieher im Ruhrgebiet, die das 58. Lebensjahr vollendet haben, fehlen in der Statistik der Arbeitslosen komplett, da sie aufgrund einer Sonderregelung nicht mehr erfasst werden.

"Selbst in diesem Alter haben die allermeisten Menschen noch fast zehn Berufsjahre bis zum Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze vor sich. Es ist unwürdig, ihnen keine Chance mehr auf einen Job zu geben, und erhöht es zudem das Risiko der Altersarmut", kritisiert Diözesan-Caritasdirektorin des Ruhrbistums Sabine Depew. "Wir müssen alles daran setzen, ihnen so lange wie möglich den Zugang zu sinnstiftender, guter Arbeit offenzuhalten."

Fehlende oder veraltete berufliche Qualifikationen, aber auch Vorbehalte von Arbeitgebern gelten als Hauptgründe für die Schwierigkeiten älterer Menschen bei der Jobsuche. Ältere Hartz IV-Bezieher ab 50 Jahren nehmen jedoch laut Arbeitslosenreport NRW im Ruhrgebiet seltener an Maßnahmen zur beruflichen Weiterbildung teil als jüngere Hartz IV-Bezieher, rund 5,0 Prozent im Vergleich zu 18,5 Prozent (für Mülheim und den Ennepe-Ruhr-Kreis liegen keine Daten vor). 24,5 Prozent der Hartz IV-Empfänger ab 50 Jahren werden im Ruhrgebiet mit Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung gefördert, in denen gezielt Vermittlungshemmnisse abgebaut werden sollen. Damit liegen sie weit unter dem Wert der jüngeren Vergleichsgruppe (34,8 Prozent). Lediglich in Essen ist das Verhältnis deutlich anders herum. Hier werden 49,9 Prozent der Hartz IV-Empfänger ab 50 gefördert im Vergleich zu 33,4 Prozent der 15- bis 50-Jährigen.

"Es ist wichtig, dass spezifische Weiterbildungs- und Förderangebote für ältere Arbeitslose entwickelt und finanziert werden", fordert Depew. Zudem sei für die Beratung mehr Zeit nötig, was wiederum einen besseren Betreuungsschlüssel bei den Jobcentern erfordere. 

Der Arbeitslosenreport zeigt aber auch, dass ältere Menschen häufiger in Arbeitsgelegenheiten oder in geförderten sozialversicherungspflichtigen Stellen beschäftigt sind (55,1 Prozent der Fördermaßnahmen). "Für ältere Langzeitarbeitslose, die große gesundheitliche Probleme oder besondere soziale Schwierigkeiten haben, ist ein solcher Arbeitsplatz oft die einzige realistische Chance, ihr Menschenrecht auf Arbeit zu verwirklichen", erklärt Depew. "Deshalb freuen wir uns über den Ausbau öffentlich geförderter Arbeitsplätze mit Sozialversicherungspflicht und Arbeitsvertrag, den das Teilhabenchancengesetz ab Januar 2019 möglich machen wird."

Die Freie Wohlfahrtspflege NRW fordert, in besonderen Härtefällen den betroffenen Menschen auf Wunsch eine entfristete Fortsetzung ihrer öffentlich geförderten Beschäftigung bis zum Erreichen der gesetzlichen Regelaltersgrenze zu ermöglichen. "Arbeit bedeutet Wertschätzung, soziale Teilhabe und Tagesstruktur", betont Depew. "Ältere Menschen haben ein Recht darauf, eines Tages aus der Arbeit und nicht aus der Arbeitslosigkeit in Rente zu gehen." 

Hintergrund:
Die Wohlfahrtsverbände in NRW veröffentlichen mehrmals jährlich den "Arbeitslosenreport NRW". Basis sind Daten der offiziellen Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit. Hinzu kommen Kennzahlen zu Unterbeschäftigung, Langzeitarbeitslosigkeit und zur Zahl der Personen in Bedarfsgemeinschaften, um längerfristige Entwicklungen sichtbar zu machen. Der Arbeitslosenreport NRW sowie übersichtliche Datenblätter mit regionalen Zahlen können im Internet unter www.arbeitslosenreport-nrw.de heruntergeladen werden. Der Arbeitslosenreport NRW ist ein Kooperationsprojekt der Freien Wohlfahrtspflege NRW mit dem Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) der Hochschule Koblenz. 

In der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW haben sich 16 Spitzenverbände in sechs Verbandsgruppen zusammengeschlossen. Mit ihren Einrichtungen und Diensten bieten sie eine flächendeckende Infrastruktur der Unterstützung für alle, vor allem aber für benachteiligte und hilfebedürftige Menschen an. Ziel der Arbeit der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist die Weiterentwicklung der sozialen Arbeit in Nordrhein-Westfalen und die Sicherung bestehender Angebote. Die Freie Wohlfahrtspflege NRW weist auf soziale Missstände hin, initiiert neue soziale Dienste und wirkt an der Sozialgesetzgebung mit.