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Stand: 12.10.2017

Pressemitteilung

Fachkräftemangel

Ihr seid cool, kann ich in ´ner halben Stunde bei Euch anfangen?

Dass Baby-Boomer anders ticken als Digital Natives ist eine Binse. Auch Unternehmen der Sozialwirtschaft müssen sich darauf einstellen, dass die Bewerberlage künftig längst nicht mehr den Bedarf decken wird, der angesichts des demographischen Wandels immer stärker zutage tritt. In fast allenSozialberufen ist der Fachkräftemangel längst angekommen. Gegenstrategien sind gefragt.

Etwa 80 Leitungskräfte von Caritas-Einrichtungen der Sozialwirtschaft, aus Pflege und Krankenhäusern, vom Kita-Zweckverband und aus anderen großen Einrichtungen des Caritas-Netzwerkes waren gestern der Einladung ins "Haus der Caritas" in der Essener City gefolgt, um Themen wie Fachkräftegewinnung und Fachkräftebindung zu diskutieren. Der Handlungsdruck steigt, insbesondere in der Pflege, wo die Fluktuation extrem hoch ist und die demographischen Effekte immer stärker durchschlagen. Dabei geht es auch um die Frage, wie Unternehmen sich am Sozialmarkt im Internet und in den sozialen Medien darstellen.

Professor Dr. Anja Lüthy, Professorin an der Technischen Hochschule Brandenburg leitete meinungsstark und pointiert die Diskussion um dem Fachkräftemangel und mögliche Gegenmittel. Gast-Statements lieferten den Gesprächsstoff für die anschließende Talkrunde. Die Kommentatoren forderten unter anderem, in einer anderen Sprache für den "schönsten Beruf der Welt" zu kommunizieren. Sie plädierten dafür, Pflegenden mehr Entlastung und gesellschaftliche Wertschätzung entgegenzubringen. Gesellschaftlich betrachtet sei es nur kurz gedacht, wenn einzelne Unternehmen sich in der Konkurrenzsituation behaupteten, durch Abwerbung anderswo aber Löcher aufgerissen würden. Das Problem müsse grundsätzlicher angegangen werden.

Die Stellenanzeige bringt der Pizza-Boy

Mit Blick auf die Gewinnung von Fachkräften müssten sich heute Unternehmen bei Kandidatinnen und Kandidaten bewerben, nicht umgekehrt. Ein schönes Beispiel war eine Pizza, auf deren Belag ein QR-Code dargestellt war, über den man zu einer Stellenanzeige kam. Junge Menschen dürften durch die Pflegepraxis nicht desillusioniert werden, weil Gelerntes in der Praxis nur zum Teil anwendbar sei. Vieles scheitere an mangelndem Personal, Finanzen und mangelnden politischen Rahmenbedingungen, insbesondere in der Altenpflegeausbildung. Auch die Qualifizierung der jetzt schon tätigen Helferinnen und Helfer in der Pflege sei eine Möglichkeit, dem Pflegenotstand entgegenzuwirken; kommunale Mittel - etwa in Essen - würden dazu bislang kaum genutzt. Unternehmen der Sozialwirtschaft sollten Berufseinsteiger bei Bedarf aufwändig begleiten, etwa über Onboarding-Programme. Verbände übergreifende Karriereteams, die Berufsmessen und Schulen besuchten und für die soziale Berufe werben, wären hilfreich, wie auch die zügige Anerkennung ausländischer Abschlüsse.

Professor Thomas Evers, der in Vertretung von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann den Hauptbeitrag der Veranstaltung hielt, würdigte, dass das Thema Pflege endlich in der Politik angekommen sei. Auch er plädierte für eine andere Sprache, die den Beruf nicht "als am Boden liegend" beschreibt. Die Pflege biete eine Vielfalt von Berufsbildern und technische Möglichkeiten, die es gelte, attraktiv darzustellen.

Optimierungspotential

Der Gruppenleiter berichtete von Projekten des Ministeriums, die die Weiterentwicklung der Pflegeberufe vorantreiben und den Bereich Beratung Angehöriger stärken wollen. Im Hinblick auf das Pflegeberufegesetz verwies der gelernte Altenpfleger und spätere Professor an der Hochschule für Gesundheit (HSG) in Bochum auf die Chancen, Kooperationen mit Schulen und Hochschulen einzugehen. Auch der Berufsstart von Seiteneinsteigern sei einfacher zu gestalten. Er bemängelte eine Disproportion bei der politischen Vertretung, bei der insbesondere die Altenpflege schlechter abschneide als die Kinder- und Krankenpflege, was auch auf die Finanzierung der Ausbildungen durchschlüge. Er berichtete von Plänen des Ministers, eine Pflegekammer einzurichten, wenn die Pflegenden das wollten. Eine Abfrage dazu sei in Vorbereitung. Durchaus selbstkritisch beurteilte Evers die Anerkennung ausländischer Pflegeabschlüsse, die aus seiner Sicht zu lange dauere und zu kompliziert sei. Hier gäbe es Optimierungsmöglichkeiten. Auch er betonte die notwendige Aufwertung der Pflege in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Diese müsse sich in den Löhnen, in der Anerkennung und Wertschätzung widerspiegeln.

Teilnehmende der Talkrunde waren neben Professor Evers: Dr. Dirk Albrecht (Geschäftsführer der Contilia-Gruppe), Mirja Wolfs (Komm. Geschäftsführerin des KiTa-Zweckverbandes im Bistum Essen), Dr. Andreas Trynogga (Vorstand der Caritas für die Stadt Bottrop und Sprecher der zehn Ortscaritasverbände im Bistum Essen), Reinhard Dummler (Leiter der Katholischen Schule für Pflegeberufe Essen und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe BLGS), Andrea Demler (Leiterin der Arbeitsagentur Essen) und Peter Renzel (Sozialdezernent der Stadt Essen).

Soziale Medien nutzen

Professor Dr. Anja Lüthy verwies in ihrem Beitrag unter anderem auf die noch ungenutzten Möglichkeiten der Digitalisierung, besonders der sozialen Medien für Gewinnung von Fachkräften und in der Pflege. "Hallo ich bin Nina, Ihr seid cool, kann ich in einer halben Stunde bei Euch anfangen?" Kaum vorstellbar, dass Bewerber heute so in Kontakt kommen mit potentiellen Arbeitgebern, aber es wäre technisch möglich. Die Generation Z will nicht mehr Hunderte von Bewerbungen schreiben, sondern ganz direkt über die sozialen Medien ein Unternehmen kennenlernen und sich ohne großen Aufwand bewerben. Kriterien zählen wie gesundes Essen, After-Work-Angebote mit Kolleginnen und Kollegen, eine coole Website, die Jugendlichen zeigt, dass auch die Arbeit in der Pflege Spaß macht. "Da wird auch mal gefeiert" und "die sind auf dem neusten Stand der Technik" - das sind unter anderem die Kriterien, die einen künftigen Arbeitgeber interessant machen.

Möglichkeiten für konkrete Projekte und Kooperationen wurden im Verlauf der Tagung immer wieder deutlich. Viele Teilnehmer verließen die Tagung mit dem Wunsch, nun hier anzuknüpfen. Weitere Veranstaltungen zum Thema sind geplant. (ChG)